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(Sächsische Zeitung vom 11.02.2006, geschrieben von Manfred Müller)
Das therapeutische Trillern der Nachtigall. Kunstszene. Eine Riesa-Dresdner Band setzt sich
zwischen alle Stile. Im … Art Riesa improvisierte sie ein Hölderlin-Programm. „Hölderlin ist jemand, den man eigentlich nicht
mag“, sagt Keyboarder Andreas Grajek. Recht hat er. Friedrich Hölderlin ist der
Typ, der vor 200 Jahren vom „stolzhinschiffenden Schwan“ schrieb und von den
„Berührungen des Himmels, der in Silbertropfen auf sie niederträufelt“. Ein
durchgeknallter Popstar der Romantik, der mit 36 am Leben verzweifelte und
endgültig verrückt wurde.
Was kann man von einer Band erwarten, die zu einem Prosagedicht von Friedrich
Hölderlin improvisiert? Nun, zumindest keine Allerweltsmusik. Auf der Wechselbühne
des Riesaer … Hauses steht Antonia Hasselmann und spricht mit leiser Stimme
Verse aus Hölderlins „Hyperion“. Die „Nachtigallen“ haben der Rezitation Hall
unterlegt, so dass die Worte aus dem Nichts zu kommen scheinen. Keyboarder Andreas schiebt einen schwermütigen
Klangteppich vor sich her, Gitarrist Jens schlägt verfremdete Akkorde, und Falk
Zakrzewskis Bassklarinette klettert in den Tonleitern herum wie in einer
Schlucht. Das Ergebnis klingt befremdlich. Eine Art therapeutisches Trällern.
Ein Selbstfindungs-Trip für melancholische Twentysomethings.
Eine Dreiviertelstunde lang hangelt sich die Band an den Abgründen der
deutschen Romantik entlang. Die Musikstücke sind nicht extra für das
Hölderlin-Programm geschrieben worden. Ihre Grundstrukturen stammen aus Songs,
die „Nachtigall“ bereits auf CD gebrannt hat. Dennoch passen sich die zehn,
zwölf Minuten langen Improvisationen den Texten an wie ein Chamäleon.
Musikalische Mimikry sozusagen. „Oh, ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein
Bettler wenn er nachdenkt“, lässt Hölderlin seinen Hyperion sagen. Die Texte
mögen sich zwar antiquiert anhören; die Träume aber sind nun mal zeitlos. Und
die „Nachtigall“-Musik ist das ideale Transportmittel für Träume. „Eigentlich
spielen wir nur für uns selbst“, erklärt Andreas Grajek, „aber komischerweise
wirkt unsere Musik auch aufs Publikum.“ Auf den Romantiker Hölderlin stieß die Band
durch einen Zufall. Sie wurde zum Rudolf-Bahro-Symposium nach Berlin eingeladen,
und der verstorbene Systemkritiker aus der DDR war ein großer
Hölderlin-Anhänger. Ein Träumer eben, der einen ökologischen Sozialismus propagierte.
Und auch die kleine Publikumsschar wirkt
ein wenig traumtrunken, als sie aus dem Bühnensaal ins verschneite Riesa
entlassen wird. „Moment“, sagt Schlagzeuger Martin, nachdem er
die Drumsticks beiseite gelegt hat. „Da hat mich doch vorhin ein kleiner Junge
tatsächlich um ein Autogramm gebeten.“ Während er sich auf die Suche nach
seinem Fan begibt, leuchtet in seinen Augen eine seltsame Genugtuung. So ganz
kann es wohl doch nicht stimmen, dass die Band nur für sich selbst musiziert.
Im Art werden längst die Stühle hochgestellt, da steht Falk mit seiner
Bassklarinette noch auf der Bühne und bläst endlos-klagende Töne ins Nirwana.
Stimmt schon, Hölderlin muss man nicht mögen. „Hölderlin meets Nachtigall“
irgendwie schon. Hölderlin meets Nachtigall: Martin Zschoche,
Jens Grunert, Antonia Hasselmann, Falk Zakrzewski und Andreas Grajek |